Weitere Berufungswege

Antonius Hamers

Er hatte eigentlich ein Leben als erfolgreicher Jurist mit Familie geplant, bis ihn die Frage „Was willst du, Herr, was ich tun soll“, nicht mehr los ließ.

„Ein wohlbestallter Jurist, erfolgreich, angesehen, verheiratet mit einer "guten Partie" und einen "Stall voll Kinder" - so hatte ich mir das gedacht, als sich mir nach Abitur und Bundeswehr die studentische Freiheit öffnete, die zunächst ausgekostet werden wollte - Studium in Köln und Würzburg, Referendariat in Erfurt, Speyer und Brüssel, anschließend Hamburg und dann wieder Köln. Eine aufregende Zeit.
Acht Jahre später, um vielfältige Erfahrungen reicher, ausgestattet mit zwei juristischen Staatsexamen und einer Promotion, tauchte eine Frage auf: Wie kann ich mein Leben auch weiterhin sinnvoll gestalten? Welche Rolle spielt Gott bei dieser Suche? Dass mein Glaube in meinem Leben eine wichtige Rolle spielt, war für mich - aufgewachsen in einer Familie, in der der Glaube gelebt und reflektiert wurde und wird, engagiert in der Jugendarbeit meiner Heimatpfarrei in Heggen im katholischen Sauerland - selbstverständlich - so selbstverständlich, dass ich auch in Zeiten des Zweifels und der Gottesferne Sonntag für Sonntag zur Messe gegangen war.
Doch dass sich der Glaube so zum sinn- und lebensbestimmenden Faktor aufschwingen würde, dass er alle privaten und beruflichen Pläne in Frage stellen würde, das hatte ich nicht erwartet.
Als sich eine attraktive berufliche Perspektive bot, wurde die Frage prompt hintangestellt. Stattdessen ging’s zum Bundesverband der Deutschen Industrie - zunächst in Köln, und dann zog ich mit dem Tross der vermeintlich jungen, dynamischen, aufstrebenden Elite in die Hauptstadt, nach Berlin.
Und die Frage nach dem, was Gott von mir will, zog mit, ließ mich auch in der aufregenden Berliner Zeit bei aller Ablenkung, bei allen Begegnungen nicht los, verfestigte sich. Ich bekam eine Ahnung davon, von Gott betört, gepackt und überwältigt zu sein, wie es der Prophet Jeremia beschreibt. Mit Hilfe eines geistlichen Begleiters ging ich dieser Ahnung auf den Grund.
Und dann, als ich nach zähem Ringen glaubte, die Antwort und den Mut gefunden zu haben, meinen bisherigen Beruf, mein bisheriges Leben aufzugeben und Priester zu werden, da bot sich wiederum eine neue berufliche Perspektive - eine Stelle, für die ich einige Zeit vorher manches hätte liegen und stehen lassen. Wieder eine Anfrage an mich und meine Entscheidung, wieder die Frage an Gott: Was willst du, was ich tun soll?
Nach einer durchwachten Nacht stand meine Entscheidung fest: Ich möchte als Priester die Botschaft von der Gegenwart Gottes im Wort verkünden und in den Sakramenten feiern. Mit 31 Jahren habe ich nochmals begonnen. Ich habe mich auf den Weg gemacht und in Münster und Rom Theologie und Kirchenrecht studiert.
Nach prägenden, sehr positiven Erfahrungen in der Pfarrei als Diakon zunächst in Raesfeld und nach der Priesterweihe 2008 als Kaplan in Mettingen bin ich seit 2011 für die Polizeiseelsorge im Bistum Münster zuständig. Damit verbunden ist ein Lehrauftrag im Fach Berufsethik an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, einer Einrichtung, an der Polizistinnen und Polizisten aus ganz Deutschland studieren und auf ihre Aufgaben als Führungskräfte vorbereitet werden. Hier treffe ich auf unterschiedliche Menschen und deren Fragen. Männer und Frauen, die zum Teil keine kirchliche Bindung haben, die mich und meinen Auftrag durchaus kritisch anfragen und die in ihrem Arbeitsalltag auf Fragen und Probleme stoßen, die allein mit Recht und Gesetz nicht erschöpfend beantwortet werden können.
An dieser Schnittstelle zwischen Kirche und (säkularer) Gesellschaft zu arbeiten, mit Verantwortlichen schwierige Entscheidungssituationen zu diskutieren, macht den Reiz und die Herausforderung meiner Tätigkeit aus. Hier kann ich mitwirken an dem Auftrag, den das Zweite Vatikanische Konzil der Kirche zuweist: Menschen begleiten auf dem Weg, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, und ihnen helfen, den Sinn ihrer Existenz zu entdecken (vgl. Gaudium et Spes 41).
Neben einem weiteren Lehrauftrag im Kirchenrecht an der Universität Münster arbeite ich in einer Pfarrei in Münster mit – auch um die „normale“ Pastoral nicht zu verlernen. In diesen unterschiedlichen Arbeitsfeldern, auf meinem Weg als Priester begegne ich Menschen, die mich ermutigen, die mir Respekt zollen, die mich kritisch anfragen. Diesen Weg gehe ich weiterhin mit Zuversicht und im Vertrauen auf Jesus Christus, der Menschen in seinen Dienst ruft, auf den ich meine Hoffnung setze und der mir eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens.

April 2012